Wind für den Geist: Pfingstnacht in der Atelierkirche

[Foto: Josh von Staudach]

Schon der Zugang zum Pfingstgottesdienst in der Atelierkirche ist außergewöhnlich inszeniert. Durch einen schweren, samtenen roten Vorhang gelangen die rund 100 Besucherinnen und Besucher vom Vorraum zur Treppe, die hoch in den Gottesdienstsaal der Brenzkirche führt. Am Fuß der Treppe werden sie vom Windmaschinen-Wind ordentlich angeblasen. Konkrete und augenzwinkernde Umsetzung der biblischen Pfingstgeschichte. Diese berichtet, dass die ersten Christen am Pfingstfest eine umwerfende Gemeinschaftserfahrung machten. Der Heilige Geist schüttelte sie wie ein Sturm durch, ließ sie „Feuer und Flamme“ sein und veränderte ihr Leben.

[Foto: Schweizer]

Unerhört die Orgelklänge, mit denen die Gottesdienstgemeinde im Saal empfangen wird. Ächzen, Säuseln, Sturm – Organist Michael Sattelberger entlockt seinem Instrument ein breites Spektrum von Windgeräuschen. Später folgen vertraute Klänge. Die Gemeinde singt ein fröhliches Lied: „Auf, Seele, Gott zu loben“.

Die Gemeinde – großteils sitzt sie mittlerweile in den Kirchenbänken. Doch der Raum, der für drei Wochen als „Atelierkirche“ Heimstatt für Künstlerinnen, Künstler und alle Interessierten ist, ist gründlich verwandelt. Zwischen und über den Bänken sind zelt- und schiffartige Gebilde eingebaut, errichtet aus Baumschnitt und weißen Tüchern. Weiße Tuchbahnen spielen auch im zweiten Teil des Gottesdienstes eine wichtige Rolle, wenn sie jeweils paarweise von Gottesdienstbesuchern durch den Raum geschwenkt werden. Eine große, handbetriebene Windmaschine entsteht, die Tücher bauschen sich und flattern laut, die Gemeinde, die zur interagierenden Mitgestalterin wird, hat sichtlich Spaß.

[Foto: Schweizer]

Die inszenierte Lesung lässt aufhorchen. Zehn Sprecherinnen und Sprecher, über den Raum verteilt, lesen – jede und jeder im eigenen Tempo – einen Zeitungsartikel über die Bedeutung des Pfingstfestes. Er stammt von Thomas Assheuer, aus der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er schreibt: „Die Pfingsterzählung ist ein radikaler Gegenentwurf zur Gesellschaft der atomisierten Bürger.“ Es gehe in ihr um die „Verwandlung“ der Menschen. Sie gebe der „Sehnsucht nach Frieden“ Ausdruck. „Wunderbar“ sei, dass in diesem zweitausend Jahre alten Text „das rein Symbolische – die menschliche Sprache – über die unerbittliche Faktizität gesellschaftlicher Macht den Sieg davontrug.“ Die tiefsinnigen Journalistensätze überlagern sich, sind mal schwer verständlich, mal wie durch Echo verstärkt.

Viel gäbe es noch zu berichten, was es in diesem Gottesdienst und in dieser Kirche zu erleben und zu entdecken gab, bis hin zur gemeinsamen Mahlzeit, sodass die Leute an Seele und Leib gestärkt in die Nacht gehen. Alles ist liebevoll und detailliert geplant und inszeniert. Pfarrerin Petra Dais, Pfarrer Karl-Eugen Fischer und ihr „Playing-Arts-Team“ haben jahrelange Erfahrung im Gestalten außergewöhnlicher Gottesdienste, das ist deutlich zu spüren.

Stiftskirche: Meditatives zum "Geburtstag der Kirche"

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[Fotos: Schweizer]

Insgesamt beteiligen sich 14 Kirchen an der „Nacht der offenen Kirchen“. In der Stiftskirche gibt es Stationen zum „Geburtstag der Kirche“. Diakonin Cornelia Götz erläutert beispielsweise das Programm des „Pfingstfensters“ in der Südwand der Kirche. Bevor man zur nächsten Kirche – beispielsweise der selten geöffneten Schlosskirche im Alten Schloss – weiterzieht, lohnt sich ein Abstecher auf den 61 Meter hohen Westturm der Stiftskirche. Wegen der engen Stiegen dürfen jeweils nur fünfzig Personen gleichzeitig auf den Turm, immer wieder bilden sich Warteschlangen.

Überraschende Durchblicke in der Hospitalkirche

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[Fotos: Schweizer]

Verwandelt präsentiert sich auch die Hospitalkirche. Sie wird ab Oktober umgebaut, unter anderem wird die Westwand geöffnet und durch einen transparenten Eingangsbereich ersetzt. Im Vorgriff darauf hat die Würzburger Künstlergruppe „creo – Kunst im Raum“ schon ein Stück Wand eingerissen und die neuen Ein- und Durchblicke mit Lichtinstallationen in Szene gesetzt. Pfarrer Eberhard Schwarz steht in seiner Hospitalkirche Rede und Antwort zu den Umbauplänen.

Im benachbarten Hospitalhof freut sich Monika Renninger, dass auch über ein Jahr nach Eröffnung noch großes Interesse an Führungen durch dessen spektakuläre Architektur besteht.

Außer den genannten beteiligten sich auch diese Kirchen: Leonhardskirche in Stuttgart-Mitte, Diakonissenkirche, Rosenbergkirche, Paul-Gerhardt-Kirche, Pauluskirche und Johanneskirche in Stuttgart-West, Stadtkirche und Andreäkirche Cannstatt, Veitskapelle Mühlhausen sowie die Kreuzkirche Hedelfingen.

Christoph Schweizer